Das unverhoffte Angebot der Abteilungsleiterin Berufsmaturiät, Melanie Pfammatter, in der Zipatso Academy in Malawi Englisch zu geben, entsprach schlicht meinem Lebenstraum, im Ausland zu unterrichten. Ich tat alles, um dies Wirklichkeit werden zu lassen. Als langjährige Lehrperson ABU und EA (Englisch – Französisch – Deutsch) verfügte ich über viele angesammelte, noch nicht ausbezahlte Lektionen. Damit war mein freiwilliger Einsatz im Rahmen eines Sabbaticals perfekt. Um definitiv entscheiden zu können – ich war zuvor noch nie in Afrika gewesen – durfte ich mit Martin Schaer, dem Schulgründer, nach Zipatso reisen, um in den Klassen zu hospitieren. Mein Entscheid zugunsten des Projekts fiel sofort und erwärmte von da an mein Herz.
Der Eingang des Hauptgebäudes.
Foto © Sabine Wüthrich
Von September bis kurz vor Weihnachten 2022 unterrichtete ich in Zipatso zwei Klassen in Englisch aus je einer der zwei Stufen (Form 1 und 2 = Unterstufe, Form 3 und 4 = Oberstufe) der total 4-jährigen Schulzeit der Secondary School in Malawi. Das waren die Klassen «Form 1» (nach Eintritt aus der allgemeinen Schulpflicht, der 6-jährigen Primary School) und «Form 3» (nach Übertritt aus der Unterstufe). Ich unterrichtete gemäss den staatlichen Lehrplänen und Vorgaben der Schule. Ich durfte meine Lektionen aber mit mitgebrachten britischen Lehrmitteln ergänzen, was Anklang fand. Auch versuchte ich zunehmend, Gruppenarbeiten einfliessen zu lassen, was in den anzahlmässig grossen Klassen noch kein Thema gewesen war. Auch das kam an. Weiter nahm ich an allen Schulveranstaltungen teil und hatte Verpflichtungen inkl. Zwischenexamen, Konferenzen und Elternkontakten. Ich gliederte mich fast vollständig ein. Zipatso wurde für mich angesichts dieser Ansprüche in völlig neuen Umständen zu meiner besten beruflichen Erfahrung überhaupt.
«Zipatso wurde zu meiner besten beruflichen Erfahrung überhaupt.»
Die Zipatso Academy ist ein Internat mit einem Campus. Darauf stehen in der Mitte die Klassenzimmer in Form von einzelnen Gebäuden, eine Multi Purpose Hall und die Gebäude der Schulleitung mit Sitzungsräumen, Verwaltung und Empfang. Aussen leben auf der einen Seite die Schülerinnen in einem Girls’ Hostel und die Schüler in zwei Boys’ Hostels, und auf der anderen Seite befinden sich die Wohnhäuser für die Lehrpersonen, wo auch ich untergebracht war. Alle Anwesenden sind also ständig in der Nähe, man sieht und hört sich, und die Wege sind kurz. Zutritt zu den Hostels hat nur eine Lehrperson mit spezieller Betreuungsfunktion. Die Lernenden haben keinen Zutritt zum Wohnort der Lehrpersonen. So zu leben war völlig neu für mich.
Jeden Montagmorgen um 7.00 Uhr erfolgte der gemeinsame Wochenstart in der Multi Purpose Hall. Der Schulleiter eröffnete die Schulwoche, die Klassen standen aufgereiht. Die Landeshymne wurde gesungen. Im Turnus hatte jede Klasse einen Vorbereitungsauftrag, um etwas Spezielles darzubieten. Geschlossen wurde mit einem gemeinsamen Gebet. Überhaupt ist die Religion in Malawi zentral.
Mit meinen beiden Klassen – am Abschiedstag.
Foto zVg
Die Lernenden tragen obligatorisch eine blaue, adrette Schuluniform, nach Geschlechtern getrennt mit Jupes oder Hosen. Alle Schülerinnen und Schüler besitzen die Grundausstattung, einige auch noch Accessoires wie Gilets oder Socken. Nur Lehrpersonen dürfen persönliche Kleidung tragen. Das hat im Unterricht eine ganz andere Wirkung. Es entsteht sofort eine Klasseneinheit, welche die Konzentration auf den Unterricht begünstigt.
In Malawi bestimmen die Eltern, wann der Schuleintritt für ihr Kind passt. Das erklärt den Altersunterschied von bis zu vier Jahren in meinen Klassen.
Die meistgesprochene Amtssprache ist Chichewa. Englisch ist auch Landessprache, aber meist nicht Muttersprache. Bei Eintritt in die Secondary School ist das Englisch der Schülerinnen und Schüler noch sehr von Chichewa, einer Bantu-Sprache, gefärbt. Zu Beginn des Unterrichts von Form 1 musste ich erst lernen, dieses Englisch zuverlässig zu verstehen.
Der Unterricht nur mit unbeweglicher Wandtafel und Kreide war für mich ein angenehmer Flashback. Ich bin noch so ausgebildet worden. Es war für die Klassen eine exotische Freude, im Unterricht dank meines PCs einem Hörverständnis zu lauschen.
Es gab ein elektrisches Pausenhorn. Bei Stromausfall erhielt ein Schüler die Aufgabe, die Pause mit einer Kuhglocke aus dem Oberhasli einzuläuten.
Zipatso ist auch eine landwirtschaftliche Schule für Agronomie mit Kuhherde, Ziegen und Ackerbau. Etliche Lehrerkolleginnen und -kollegen hielten Hühner und gärtnerten zur Selbstversorgung. Die Hähne weckten mich jeden Morgen im Morgengrauen, die Ziegen waren ständig überall am Knabbern, die Herde kam bisweilen bis vor die Schulzimmer fressen oder suchte unter den gewaltigen, wundervollen Mangobäumen des Campus Schatten. In der Nacht streunten aber auch herrenlose Hunde herum. Die im Alltag selbstverständlich gelebte Verbindung des akademischen Menschen zur Landwirtschaft, zum Tier und zur Natur berührte mich angenehm.
Nach der Eingewöhnung fand ich guten Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern meiner beiden Klassen. Natürlich war meine Anwesenheit für beide Seiten eine ganz neue Erfahrung mit positiven Hoffnungen. Misstrauen spürte ich nie. Dies bereicherte mich so sehr und spornte mich an, das Beste zu geben. Ich freute mich täglich auf dieses Wohlwollen, welches zwischen meinen Lernenden und mir herrschte. Es ermöglichte uns eine vertraute, entspannte und dankbare Unterrichtsatmosphäre.
Tief berührt hat mich der Respekt der Lernenden mir gegenüber bzw. gegenüber den Lehrpersonen überhaupt. Eine Lehrperson wird mit «Madam» oder «Sir» angesprochen. Ebenso tief berührt hat mich, wie gegenüber älteren Personen generell ein grosser Respekt vorhanden ist. Aufgrund meines Alters wurde ich ausserhalb des Unterrichts immer wieder auch «Mother» genannt. Darauf war ich nicht vorbereitet.
An meinem letzten Tag in Malawi mit meinen wichtigsten Lehrerkolleginnen und -kollegen, Nachbarinnen und Nachbarn: Sunganani Natra Christina Manyengo (zweite von links); Elizabeth Jackson, Mitbewohnerin (dunkelblaue Bluse); Andrew Pained Paul Maliro, mein Tutor (links von Sabine); Albert Bwanthi (rechts von Sabine); Martin Master (zweiter von rechts).
zV
Beruflich wurde ich von meinem jungen Lehrerkollegen Andrew Maliro nach Landesvorgaben bestens betreut. Er ermöglichte mir einen gelungenen Einstieg schon im Stadium der Vorbereitung des Unterrichts auf Platz. Ich danke ihm dafür.
Die Schulleitung und meine Lehrerkolleginnen und -kollegen nahmen mich unter ihre Fittiche. Ich war sehr gut aufgehoben, gerade auch was die Abläufe in der Schule, die Sprache Chichewa und Erledigungen im Alltag, z. B. Einkaufen für meinen Haushalt, anging. Dafür bin ich dankbar.
Die häufigen Blackouts trafen mich bereits am Anfang rabiat. Davon hatte ich keine Vorstellung. Es gibt eine staatliche Planung der Stromausfälle in den Landesteilen, welche aber nicht verlässlich war. Im Berufsleben war es eine Kunst, rechtzeitig alle Kopien auf strombetriebenen, sehr einfachen Tintenstrahldruckern parat zu haben, zumal der Englischunterricht ohne ein Lehrmittel auszukommen hatte. Ich scannte Texte für meine Exams mit meinem Handy vor der Haustür an der prallen Sonne, um sie dann in ein Word-Dokument einzufügen. Im Alltag waren die Blackouts am Anfang sehr schwierig. Ich ging dann halt um 20.00 Uhr unter meinem Moskitonetz schlafen, um 04.00 Uhr geht die Sonne ja wieder auf. Hatten wir Strom, mussten sofort alle Powerbanks und Geräte geladen werden. Natürlich hatte ich mir sofort ein Malawi-Handy angeschafft, um damit zu hotspotten, um das Internet überhaupt verwenden zu können. Speicherlampen waren unerlässlich. Kochen, Züpfe oder Pizza backen: Das war bei Stromausfall mit dem Elektroherd nicht mehr möglich, demzufolge musste ich auf die malawische Kohle-Kocheinrichtung auf dem Vorplatz ausweichen. Am Strom hing auch die Pumpe, welche Frischwasser aus dem Bohrloch heraufbringt. Wenn der Strom wieder kam, hiess es: sofort grosse Kübel zum Trinken/Duschen/Waschen/Putzen füllen und abdecken. Der längste Stromausfall, den ich erlebte, dauerte 36 Stunden. Da wird es mit der Wasserqualität schwierig.
Der Aufenthalt fiel in die Trockenzeit. So stiegen die Temperaturen bis zum Beginn der Regenzeit stetig an, was körperlich eine Herausforderung war. Es war sehr heiss, ohne ein Lüftlein, und es kühlte nie wirklich ab. Ich trank bis zu fünf Liter am Tag. Als ich gegen Ende November nachts erwachte und Tropfen zu hören glaubte, stand ich auf und ging raus. Tatsächlich: der erste Regen! Es war wunderbar!
Eines Tages gab es einen magischen Moment. Als ich in meine junge «Form 1» kam, trat eine Schülerin vor und fragte mich im Namen der Klasse, ob sie alle einmal mein europäisches Haar berühren dürften. Natürlich sagte ich ja und fand mich unter vielen Händen wieder, welche respektvoll, aber lange nur meinen Kopf streichelten.
Am Flughafen kurz vor der Rückreise.
Foto zVg
Ich bin in ständigem Kontakt mit den Frauen, mit welchen ich in unserem Haus zusammenlebte, und auch mit vielen anderen Lehrpersonen sowie ihren Angehörigen. Ich nehme bis jetzt an ihrem Leben teil und sie an meinem. Das bereichert mich. Ich durfte den Schuldirektor Henry Dzinkambani und seine Frau sogar in der Schweiz empfangen. Ich möchte meine Verbindungen zu ihnen allen nicht missen.
Ich habe viele Schönheiten Malawis auch auf Kurzreisen erleben dürfen, aber ich habe dort unter landestypischen Bedingungen gearbeitet und gelebt. Das heisst, andauernd zu improvisieren und sich dabei nicht zu beklagen. Das ist es, was mich stolz macht, denn es hat mich Gelassenheit gelehrt und mir eine neue Sicht auf das wirklich Wesentliche in Beruf und Alltag gegeben.
«Es zählen die Menschen, die einen umgeben, die Verlässlichkeit, die man sich gegenseitig gibt und das gegenseitige Vertrauen, welches über allem steht.»
Henry E. Dzinkambani (Director), Zakeyu Kashoni (Headteacher), Martin Schaer (Schulgründer) (v.l.n.r.)
Sabine, herzlichen Dank für diesen spannenden Bericht!
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Das Interview wurde im Juni 2025 geführt.